Empowering Leadership ist ein Führungsstil, bei dem Sie Entscheidungen dorthin geben, wo das Wissen sitzt: Zu den Menschen, die die Arbeit machen. Sie setzen Ziel und Rahmen, Ihr Team bestimmt den Weg. So entstehen Mitarbeitende, die Verantwortung für ihre Aufgaben übernehmen und Probleme lösen, bevor diese auf Ihrem Tisch landen.
In meinen Mandaten begegnet mir das Thema meist von der anderen Seite. Führungskräfte möchten mehr abgeben und ziehen Entscheidungen trotzdem wieder an sich. Meist fehlen dann klare Leitplanken, und ohne sie fühlt sich Abgeben wie Kontrollverlust an.
Empowering Leadership bezeichnet Führung, die Mitarbeitenden Entscheidungsbefugnis und Vertrauen gibt und ihnen Raum lässt, an ihren Aufgaben zu wachsen. Die Führungskraft bleibt für Ziel und Ergebnis verantwortlich. Das Wie liegt beim Team.
Die Organisationspsychologin Gretchen Spreitzer hat 1995 beschrieben, wann sich Menschen bei der Arbeit befähigt fühlen. Vier Erfahrungen gehören dazu: Die Aufgabe ergibt Sinn, man fühlt sich ihr gewachsen, man kann selbst bestimmen, wie man vorgeht, und man sieht, dass der eigene Beitrag etwas bewirkt.
Fehlt eine davon, bleibt Delegation eine Formalie. Wer zum Beispiel entscheiden darf, aber nie erfährt, was aus seinem Entscheid geworden ist, verliert schnell das Interesse daran.
Für die Führung heisst das: Delegieren ist der erste Schritt. Spürbar wird Empowerment erst, wenn alle vier Erfahrungen zusammenkommen.
Einige Signale sehe ich in Führungsteams immer wieder:
Rückdelegation. Aufgaben landen mit der Rückfrage, wie es denn gemacht werden soll, wieder auf Ihrem Tisch.
Erlaubnisfragen. Mitarbeitende holen für Entscheide eine Freigabe ein, die sie längst selbst treffen könnten.
Stille in Sitzungen. Vorschläge kommen fast nur von der Führungskraft, das Team wartet ab.
Volle Agenda oben, Wartezeit unten. Die Führungskraft arbeitet am Anschlag, während Projekte auf ihre Entscheide warten.
Hinter solchen Signalen steckt meist Unklarheit über Ziele und Spielraum.
1. Ziel und Rahmen klar machen. Sagen Sie, was bis wann erreicht werden soll und innerhalb welcher Grenzen. Je klarer der Rahmen, desto grösser darf der Spielraum darin sein.
2. Entscheidungsbefugnis ausdrücklich übertragen. Benennen Sie, welche Entscheide ab heute beim Team liegen. Wer Aufgaben abgibt und die Entscheide behält, erntet Rückfragen.
3. Ressourcen bereitstellen. Informationen, Budget, Zeit und Zugang zu den richtigen Personen gehören dazu. Ohne sie wird Verantwortung zur Last.
4. Erfolge sichtbar anerkennen. Anerkennung zeigt, dass eigene Entscheide etwas bewirken. Benennen Sie konkret, was gut war und warum.
5. Lernen ermöglichen, auch aus Fehlern. Wer Verantwortung übernimmt, wird auch einmal falsch entscheiden. Ihre Reaktion darauf bestimmt, ob beim nächsten Mal noch jemand den Mut dazu hat. Mehr dazu im Beitrag über Fehlertoleranz in der Führung.
Teams mit klarer Entscheidungsbefugnis reagieren schneller, weil nicht jede Frage durch die Hierarchie muss. Die Führungskraft gewinnt Zeit für die Themen, die tatsächlich bei ihr liegen: Strategie, Stakeholder, die Entwicklung ihrer Leute. Und wer eigene Entscheide trifft, steht meist auch stärker hinter dem Ergebnis.
Der Ansatz kippt, wenn Spielraum ohne Orientierung kommt. Dann erleben Mitarbeitende Freiheit als Alleingelassenwerden, besonders in neuen Rollen oder unter hohem Druck.
Welche Grundbedürfnisse dabei mitspielen, beschreibe ich im Beitrag über die Stärken der Mitarbeiter: Selbstwert, Kontrolle, Orientierung, Bindung und Freude an der Arbeit. Fehlt eines davon, wirkt auch der beste Spielraum nur halb.
Empowering Leadership beginnt bei der Führungskraft selbst. Die meisten, die ich begleite, wissen genau, was zu tun wäre. Schwierig ist das Aushalten: Das Team entscheidet anders, als man selbst entschieden hätte, und das Ergebnis ist trotzdem gut.
Meine Empfehlung: Geben Sie Entscheide früher ab, als es sich bequem anfühlt, und vereinbaren Sie dafür klare Zwischenpunkte. Kontrolle wandert damit vom Detail in den Rhythmus der Gespräche.
Hilfreich ist eine einfache Frage, bevor Sie den nächsten Entscheid an sich ziehen: Muss ich das entscheiden, oder weiss jemand im Team mehr darüber als ich?
Eine Grenze sehe ich in akuten Krisen. Wenn es schnell gehen muss und die Lage unklar ist, brauchen Teams zuerst Richtung. Empowerment kommt dann in einem zweiten Schritt zurück, und das sollte die Führungskraft auch so ansagen.
Delegation überträgt eine Aufgabe. Empowering Leadership überträgt zusätzlich die Entscheide, die zur Aufgabe gehören, und sorgt für ein Umfeld, in dem Menschen diese Entscheide gerne treffen.
In erfahrenen Teams meist sehr gut. Bei neuen Mitarbeitenden oder in einer Krise braucht es zuerst mehr Anleitung und einen engen Rahmen, der mit wachsender Erfahrung weiter wird.
Wählen Sie einen Entscheid, den Sie bisher selbst treffen, und übertragen Sie ihn ausdrücklich an eine Person oder das Team. Vereinbaren Sie gleich, wann Sie gemeinsam zurückschauen. So wächst Vertrauen auf beiden Seiten.
An weniger Rückfragen, an schnelleren Entscheiden und an Vorschlägen, die aus dem Team kommen. In meinen Mandaten vereinbare ich dafür zu Beginn messbare Ziele, damit die Veränderung sichtbar wird.
Weiterführend auf hofmann.coach: Stärkenorientierte Führung: 15 Impulse, die über Stärken hinausgehen · Führungskraft als Coach: Wie Vertrauen und Ansehen wachsen · Zusammenarbeit im Team: So wird aus Einzelnen ein Führungsteam
Hinweis: Dieser Beitrag erschien erstmals am 12.06.2024 und wurde im Oktober 2026 überarbeitet und erweitert.
Cristian Hofmann ist Executive Coach in Zürich und Schaffhausen (MAS Coaching & Supervision BSO, Forbes-Autor). Er hat in über 20 Jahren mehr als 1'500 Führungskräfte begleitet: CEOs, Geschäftsleitungen und Leadership-Teams in der Schweiz, mit messbar vereinbarten Zielen und auf Wunsch Pay-for-Results. Mehr über Cristian Hofmann.