Emotionaler Stil: Die 6 Dimensionen nach Davidson für Führungskräfte

Wie schnell Sie sich von Rückschlägen erholen, wie gut Sie Stimmungen lesen: Richard Davidson nennt das emotionalen Stil. Was daraus für Führung folgt.
Cristian Hofmann, Executive Coach in Zürich und Schaffhausen, Titelbild zum Beitrag «Emotionaler Stil: Die 6 Dimensionen nach Davidson für Führungskräfte»

Ein emotionaler Stil ist die persönliche Art, wie ein Mensch auf innere und äussere Reize reagiert. Der Neurowissenschaftler Richard Davidson beschreibt ihn über sechs Dimensionen, darunter Resilienz und soziale Intuition. Für Führungskräfte zählt vor allem eine Erkenntnis daraus: Der eigene Stil lässt sich durch Übung verändern, wenn auch langsam.

Wer als Leader viel mit Menschen arbeitet, muss Emotionen bei sich und anderen lesen können. Davidson hat seine Forschung 2012 zusammen mit der Wissenschaftsjournalistin Sharon Begley im Buch «The Emotional Life of Your Brain» für ein breites Publikum aufbereitet. Ich arbeite gerne mit dem Modell, weil es beschreibt, ohne Etiketten zu verteilen.

Was ist ein emotionaler Stil?

Davidson ist Professor für Psychologie und Psychiatrie an der University of Wisconsin-Madison und Gründer des Center for Healthy Minds. Er versteht unter dem emotionalen Stil ein beständiges Muster, mit dem wir auf Erfahrungen reagieren, und verortet es in der Arbeitsweise des Gehirns.

Der Vergleich mit einem Fingerabdruck trifft es gut. Jeder Mensch trägt eine eigene Kombination der sechs Dimensionen in sich, und weil ein emotionaler Stil im Gehirn verankert ist, bleibt er über Jahre relativ stabil.

Für die Praxis hilfreich: Jede Ausprägung hat in bestimmten Situationen Vorteile. Schwierig wird es an den Extremen und dort, wo der Stil schlecht zur Lage passt.

Die sechs Dimensionen nach Richard Davidson

Resilienz: Wie schnell erholen Sie sich von belastenden Erlebnissen, etwa von einem verlorenen Auftrag oder einer harten Verwaltungsratssitzung?

Grundeinstellung: Wie lange halten positive Gefühle bei Ihnen an? Manche Menschen tragen gute Nachrichten tagelang mit sich, bei anderen verfliegt die Freude nach einer Stunde.

Soziale Intuition: Wie gut empfangen Sie die nonverbalen Signale Ihrer Mitmenschen, also Blicke, Tonfall und Körperhaltung?

Selbstwahrnehmung: Wie genau spüren Sie die körperlichen Empfindungen, in denen sich Ihre Gefühle äussern, zum Beispiel einen schnelleren Puls vor einem schwierigen Gespräch?

Kontextsensibilität: Wie gut passen Sie Ihre emotionalen Reaktionen an den jeweiligen Zusammenhang an?

Aufmerksamkeit: Wie gut bleiben Sie bei einer Sache, wenn um Sie herum emotional viel los ist?

Wie Ihr emotionaler Stil Ihre Führung prägt

Eine Führungskraft mit langsamer Erholung trägt den Ärger aus der Budgetrunde ins nächste Mitarbeitergespräch. Mit wenig sozialer Intuition merken Sie unter Umständen zu spät, dass ein Teammitglied innerlich längst auf Distanz gegangen ist.

Kontextsensibilität entscheidet oft über Ansehen. Wer im Verwaltungsrat denselben Ton anschlägt wie im Projektteam, wirkt entweder steif oder respektlos.

Umgekehrt kann ein emotionaler Stil mit hoher Selbstwahrnehmung zum Frühwarnsystem werden. Wer den eigenen Ärger im Körper bemerkt, bevor er im Satz landet, hat die Wahl, anders zu reagieren.

Ihr emotionaler Stil wirkt also auf andere, ob Sie es wollen oder nicht. Das Umfeld erlebt ihn jeden Tag und hält ihn irgendwann für Ihren Charakter.

Kernaussage von Cristian Hofmann, Executive Coach, zur Frage, ob ein emotionaler Stil veränderbar ist: «Ihr emotionaler Stil ist ein Ausgangspunkt, und mit Übung lässt er sich verschieben.»

Lässt sich ein emotionaler Stil verändern?

Davidson bejaht das und stützt sich auf die Neuroplastizität: Das Gehirn kann Struktur und Funktion bis ins hohe Alter verändern. Neben äusseren Erfahrungen wirkt dabei auch, womit wir unseren Geist regelmässig beschäftigen.

Meditation und Achtsamkeitstraining spielen in seiner Forschung eine grosse Rolle. Im Buch schlägt er für die einzelnen Dimensionen Übungen vor, mit denen sich der eigene Stil in eine gewünschte Richtung verschieben lässt.

Für den Führungsalltag übersetze ich das so: Wählen Sie eine einzige Dimension aus, die Sie im Moment am meisten kostet, und üben Sie diese drei Monate lang täglich. Wer seine Selbstwahrnehmung schulen will, hält vor heiklen Gesprächen eine Minute inne und registriert Atem und Anspannung.

Ein emotionaler Stil verschiebt sich in kleinen Schritten, und oft bemerkt Ihr Umfeld die Veränderung früher als Sie selbst.

Was ich aus 20 Jahren Coaching-Praxis dazu sage

Der wichtigste Satz aus meinem ursprünglichen Beitrag gilt weiter: Lead Yourself. Verändern können Sie nur sich selbst, und diese Arbeit lässt sich an keine andere Person delegieren.

Ich halte Davidsons Modell für eines der brauchbarsten im Gespräch mit Führungskräften. Es erklärt, warum zwei gleich kompetente Executives in derselben Krise völlig unterschiedlich wirken, und es gibt beiden eine Richtung zum Üben.

Meine Grenze: Ein Selbsttest aus einem Buch bleibt ein Selbstbild. Wie Ihr Stil auf andere wirkt, erfahren Sie über ein strukturiertes 360-Grad-Feedback genauer. Und wer unter starker emotionaler Belastung steht, ist bei einer Fachperson aus Psychologie oder Psychiatrie besser aufgehoben als im Leadership-Coaching.

Häufige Fragen zum emotionalen Stil

Wer hat das Konzept des emotionalen Stils entwickelt?

Der Neurowissenschaftler Richard Davidson von der University of Wisconsin-Madison, auf der Grundlage jahrzehntelanger Forschung zu Emotionen und Gehirn. Zusammengefasst hat er es 2012 mit Sharon Begley im Buch «The Emotional Life of Your Brain».

Ist ein emotionaler Stil angeboren?

Er entsteht aus Veranlagung und Erfahrung. Davidson beschreibt ihn als relativ stabil und durch gezieltes mentales Training veränderbar. Rechnen Sie mit Monaten.

Wie finde ich meinen emotionalen Stil heraus?

Davidsons Buch enthält Fragebogen zu den sechs Dimensionen, mit denen Sie eine erste Selbsteinschätzung machen können. Ergänzen Sie diese mit Rückmeldungen von Menschen, die Sie in schwierigen Situationen erlebt haben.

Welcher emotionale Stil passt am besten zur Führung?

Davidson beschreibt die Dimensionen als Spektren mit Vor- und Nachteilen an beiden Enden. Für Führung zählt, ob Ihr emotionaler Stil zur Rolle und zur Lage passt: Eine CFO in der Sanierung braucht andere Reaktionsmuster als ein Produktchef im Aufbau. Hohe Kontextsensibilität hilft in fast jeder Führungsrolle.

Weiterführend auf hofmann.coach: Resilienz am Arbeitsplatz nach Rückschlägen · Impathie: Selbstannahme in der Führung · Hirngerechte Führung: 4 Folgerungen für Ihren Führungsalltag · Mindset: Wirksam führen, wenn der Druck steigt

Hinweis: Dieser Beitrag erschien erstmals am 04.02.2019 und wurde im Oktober 2026 überarbeitet und erweitert.

Über den Autor

Cristian Hofmann ist Executive Coach in Zürich und Schaffhausen (MAS Coaching & Supervision BSO, Forbes-Autor). Er hat in über 20 Jahren mehr als 1'500 Führungskräfte begleitet: CEOs, Geschäftsleitungen und Leadership-Teams in der Schweiz, mit messbar vereinbarten Zielen und auf Wunsch Pay-for-Results. Mehr über Cristian Hofmann.

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