Charisma lässt sich zu einem guten Teil lernen, weil es aus vielen einzelnen Botschaften besteht: Wie Sie einen Raum betreten und was Sie zu wem sagen. Wer diese Signale kennt und stimmig sendet, gewinnt an Ausstrahlung und mit der Zeit an Ansehen.
Es gibt Führungskräfte, die einen Raum betreten, und sofort richten sich alle Blicke auf sie. Sprechen sie dann mit ruhiger Stimme ein paar wertschätzende Worte, ist die Runde gewonnen. Ein Sprichwort sagt, entweder man hat es oder man hat es nicht. Für das Ansehen trifft das kaum zu, denn Ansehen kann man sich schaffen.
Charisma bezeichnet die Wirkung einer Person, die andere dazu bringt, ihr Aufmerksamkeit und Vertrauen zu schenken. Der Soziologe Max Weber hat den Begriff in «Wirtschaft und Gesellschaft» (1922, postum erschienen) in die Soziologie eingeführt. Er beschreibt charismatische Herrschaft als Autorität, die auf der Hingabe der Anhänger an eine Person beruht.
Wichtig an Webers Sicht ist ein Detail: Charisma wird zugeschrieben. Es entsteht im Auge der Betrachter und verschwindet, wenn diese ihr Vertrauen entziehen. Damit liegt es näher am Ansehen, als das Wort «Ausstrahlung» vermuten lässt.
Teilweise ja. Der Organisationsforscher John Antonakis von der Universität Lausanne hat 2011 mit Kollegen untersucht, ob sich diese Wirkung trainieren lässt. Führungskräfte, die gezielt rhetorische Techniken übten, etwa bildhafte Geschichten und klare Kontraste, wurden danach von Beobachtern als charismatischer eingeschätzt.
Trainiert wurde dabei vor allem die Kommunikation. Im Führungsalltag kommt etwas hinzu, das sich schwerer üben lässt: Ausstrahlung kann nur wirken, wenn etwas dahinter ist. Erst die Übereinstimmung von Wort und Handeln macht die Wirkung glaubwürdig.
Beim ersten Eindruck zählen Energie und Stimmigkeit. Menschen nehmen sehr schnell wahr, ob Ihr Tonfall zu Ihren Worten passt und ob Ihr Blick die Person meint, mit der Sie sprechen. Ein kurzer Gruss, der jemanden beim Namen nennt, bleibt oft länger hängen als eine ausführliche Einleitung.
Machen Sie Höflichkeit und Wohlwollen zu Ihrem Führungsstil, weil Sie sich damit wohlfühlen und das auch ausstrahlen. Das Gefühl, das andere mitnehmen: Diese Person weiss, was sie will, und erreicht ihre Ziele.
Eine überzeugende Ausstrahlung vermittelt Souveränität und heitere Gelassenheit. Optimismus und eine gesunde Portion Humor gehören dazu, Ärger und Hektik eher selten.
Aus der langen Liste, die ich mit Klienten durchgehe, haben sich sechs Signale als besonders wirksam erwiesen.
Zuhören ohne Urteil. Nehmen Sie Ihr Gegenüber wahr, bevor Sie bewerten. Wer sich gehört fühlt, schreibt dem Zuhörer schnell Charisma zu. Eine echte Nachfrage zeigt mehr Interesse als ein rascher Ratschlag.
Geduld. Lassen Sie Pausen stehen. Ruhe in einem hektischen Meeting fällt mehr auf als jede Wortmeldung, und wer nicht jede Stille füllt, wirkt sicherer.
Vertrauen in sich und die eigenen Emotionen. Gefühle, die Sie zulassen und einordnen, machen Sie greifbar. Unterdrückte Emotionen sickern meist trotzdem durch.
Mitgefühl. Zeigen Sie Anteilnahme, gerade in schwierigen Gesprächen. Das wirkt auf Teams oft länger nach als eine brillante Rede.
Fokus bei Entscheidungen. Benennen Sie, worum es geht, und entscheiden Sie dann. Diese Klarheit nehmen andere als Stärke wahr.
Menschenkenntnis. Lernen Sie, zwischen Wahrheit und Schein zu unterscheiden. Wer Menschen gut liest, findet für jeden den passenden Ton. Das braucht Jahre und bleibt trotzdem fehleranfällig.
Ansehen ist individuell. Es beginnt damit, dass Sie sich bewusst machen, was Sie ausstrahlen und wie Sie in Ihrer Führung wirken. Daraus entwerfen Sie Ihren persönlichen Massanzug, der zu Ihrer Identität passt.
Kopierte Gesten wirken schnell wie geliehen. Ein leiser Mensch, der plötzlich laut auftritt, verliert eher an Glaubwürdigkeit. Leise Führungskräfte haben eigene Mittel: Präzise Fragen und ein gutes Gedächtnis für das, was andere gesagt haben. Wer diese Mittel bewusst pflegt, wirkt auf seine eigene Art.
Ich bin überzeugt, dass Ansehen sich Schritt für Schritt aufbauen lässt. Die Führungskräfte mit der grössten Wirkung, die ich kenne, sind vor allem verlässlich. Wenn es eng wird, bleiben sie gelassen und hören weiter zu.
Skeptisch macht mich Charisma ohne Substanz. Teams folgen mitreissenden Chefs auch in die falsche Richtung, und Widerspruch wird in ihrer Nähe leiser. Je mehr Ausstrahlung jemand hat, desto mehr braucht er Menschen, die ihm ehrlich widersprechen.
Und ich gebe zu: Ein Teil der Wirkung bleibt schwer erklärbar. Manche Menschen ziehen Blicke auf sich, ohne dass ich genau benennen könnte, warum. Für die Führung halte ich das für weniger wichtig, als es scheint, denn Ansehen trägt länger als der erste Eindruck.
Temperament und Stimme prägen die Wirkung von Anfang an mit. Ein grosser Teil besteht zugleich aus Verhalten, das sich üben lässt, vom Blickkontakt bis zur Struktur einer Rede.
Ja, wenn sie Kritik zum Verstummen bringt. Wer viel Ausstrahlung hat, sollte deshalb aktiv Widerspruch einladen und Entscheidungen begründen.
Viele Signale schrumpfen auf dem Bildschirm, Blickkontakt und Stimme gewinnen an Gewicht. Schauen Sie beim Sprechen in die Kamera, und lassen Sie nach einer Frage bewusst eine Pause, damit andere einsteigen können.
Einzelne Signale wie Pausen oder Blickkontakt verändern sich nach wenigen Wochen Übung. Ansehen wächst langsamer, über Monate und Jahre, weil es aus wiederholten Erfahrungen anderer mit Ihnen entsteht.
Weiterführend auf hofmann.coach: 16 Tipps, um die Kraft der Sprache zu nutzen · Führung entsteht im Kopf der Geführten · Selbstbewusstsein: Die mächtigste Waffe eines Leaders · Standing als Führungskraft: Wie Sie Ansehen und Wirkung aufbauen · Sichtbarkeit als Führungskraft: So wird Ihr Erfolg erkennbar
Hinweis: Dieser Beitrag erschien erstmals am 19.12.2018 und wurde im Oktober 2026 überarbeitet und erweitert.
Cristian Hofmann ist Executive Coach in Zürich und Schaffhausen (MAS Coaching & Supervision BSO, Forbes-Autor). Er hat in über 20 Jahren mehr als 1'500 Führungskräfte begleitet: CEOs, Geschäftsleitungen und Leadership-Teams in der Schweiz, mit messbar vereinbarten Zielen und auf Wunsch Pay-for-Results. Mehr über Cristian Hofmann.