Scheitern beginnt im Kopf, weil erst die eigene Deutung aus einem Misserfolg ein Urteil über die Person macht. Ein verfehltes Ziel ist zunächst ein Ereignis. Ob daraus Lähmung oder Lernen wird, entscheidet sich in den Tagen danach, im inneren Gespräch mit sich selbst.
Mit Scheitern ist hier gemeint, dass Sie ein Ziel verfehlen, an das Sie sich gebunden haben. In unseren Breitengraden ist das noch immer ein Tabu: Gezeigt werden sichtbare Erfolge, Misserfolge verschwinden gern unter dem Teppich. Genau das macht es schwer, mit einem eigenen Fehlschlag gelassen umzugehen.
Psychologen erklären den Schmerz mit hohen Erwartungen. Je höher die Latte liegt, desto tiefer fällt man. Führungskräfte haben ihre Position oft gerade wegen hoher Ansprüche an sich selbst erreicht, deshalb trifft sie ein Misserfolg meist härter als andere.
Auf den Fehlschlag folgt erst einmal Verunsicherung. Man ist peinlich berührt, und im Kopf läuft ein Film: Wie reagieren die Kollegen, zeigen sie Mitleid oder freuen sie sich insgeheim? Dieser Film ist meist lauter als alles, was tatsächlich gesagt wird.
Dazu kommt der ständige Wettbewerb. Fast jede Position kann in kurzer Zeit zur Disposition stehen, und viele Unternehmenskulturen setzen Fehler mit Versagen gleich. Der Kopf übernimmt diese Härte und richtet sie gegen die eigene Person.
Die Psychologin Carol Dweck beschreibt in ihrem Buch «Mindset» (2006) zwei Grundhaltungen. Wer Fähigkeiten für unveränderlich hält, liest einen Misserfolg als Beweis für die eigenen Grenzen. Hält jemand Fähigkeiten für entwickelbar, liest er ihn als Information darüber, was noch fehlt. Dweck hat das vor allem an Schülern und Studierenden untersucht, in Führungsetagen begegnet mir dasselbe Muster aber regelmässig.
Der Unterschied liegt im Satz, den Sie sich danach sagen. «Ich habe versagt» schliesst die Akte. «Diese Strategie hat im zweiten Quartal nicht funktioniert» öffnet sie, weil der Satz eine Ursache benennt, an der Sie arbeiten können.
Ihre Deutung lässt sich trainieren. Achten Sie eine Woche lang darauf, welche Sätze Ihr innerer Kritiker nach einem Rückschlag verwendet. Schon das Aufschreiben schafft Abstand.
Bevor Sie über einen Misserfolg mit anderen reden, lohnt sich ein ehrliches Gespräch mit sich selbst. Diese vier Fragen helfen dabei.
Was genau ist gescheitert? Meist lässt es sich eingrenzen: Auf eine Annahme, die nicht hielt, oder einen Zeitplan, der von Anfang an zu knapp war. Je genauer die Antwort, desto kleiner wird der Brocken.
Welcher Teil lag bei mir? Ehrlich benannt, ohne den Anteil anderer zu verschweigen. Beides gehört ins Bild.
Was weiss ich jetzt, was ich vorher nicht wusste? Diese Frage verwandelt Schmerz in Erfahrung. Piloten gehen ähnlich vor: Sie reflektieren ihr Verhalten in heiklen Situationen und besprechen Fehlentscheidungen, damit sich Katastrophen nicht wiederholen.
Was würde ich einer geschätzten Kollegin raten? Mit anderen geht man meist milder um als mit sich selbst. Der Perspektivenwechsel holt diese Milde zurück, ohne die Sache schönzureden.
Wenn ich mit Klienten ins Gespräch komme, die etwas verändern möchten, höre ich immer wieder dasselbe: Den Anstoss gab ein Misserfolg. Manchmal braucht es ein klares Zeichen, um zu erkennen, dass eine Veränderung fällig ist.
Und nicht selten wird aus dem Scheitern danach etwas Motivierendes. Wer verarbeitet hat, was schiefging, entscheidet oft klarer, weil er weiss, wofür er die nächste Runde antritt. Ein Rückschlag zwingt dazu, Prioritäten neu zu sortieren, und genau das schiebt man in guten Zeiten gern auf.
Das braucht Zeit. Verarbeiten Sie den Fehlschlag zuerst für sich und im persönlichen Umfeld, bevor Sie ihn in grössere Runden tragen. Menschen, die weder Sie noch die Umstände kennen, sehen nur das Resultat.
Scheitern gehört zum Wachstum. Verklären mag ich es trotzdem nicht. Ein gescheitertes Projekt kostet Geld, manchmal Arbeitsplätze, und diese Folgen verdienen Ernst.
Meine Erfahrung ist, dass der Kopf den Schaden fast immer grösser macht als die Realität. Führungskräfte, die nach einem Fehlschlag wochenlang an sich zweifeln, verlieren in dieser Zeit mehr Entscheidungskraft als durch den Fehler selbst. Hier setzt Coaching an, meist mit unbequemen Fragen.
Manchmal hat der innere Kritiker allerdings recht, und die Analyse zeigt einen echten blinden Fleck. Dann braucht es eine Verhaltensänderung, die auch Ihr Umfeld bemerkt. Ehrliche Selbstreflexion erkennt diesen Moment und weicht ihm nicht aus.
Selten, solange Sie Verantwortung übernehmen und eine Lehre daraus ziehen. Gefährlicher ist ein Muster aus wiederholten Fehlschlägen, die niemals ausgewertet werden. Ein einzelner Misserfolg wird nach meiner Beobachtung schneller vergessen, als Betroffene glauben.
Trennen Sie zuerst das Ereignis von Ihrer Person. Danach helfen die vier Fragen oben, am besten schriftlich. Sprechen Sie mit einem Menschen, dem Sie vertrauen, bevor Sie das Thema in grössere Runden tragen.
Ja, zuerst Menschen, die Sie und die Umstände kennen. Wer verarbeitet hat, was geschah, spricht ruhiger und überzeugender darüber. Ein breiteres Publikum braucht die Geschichte erst, wenn Sie auch sagen können, was Sie daraus gemacht haben.
Weil ihre Ansprüche an sich selbst meist hoch sind und ihre Fehler sichtbarer werden als die anderer. Je höher die Erwartung, desto grösser der Schmerz. Wer das weiss, kann den Schmerz besser einordnen.
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Hinweis: Dieser Beitrag erschien erstmals am 07.12.2018 und wurde im Oktober 2026 überarbeitet und erweitert.
Cristian Hofmann ist Executive Coach in Zürich und Schaffhausen (MAS Coaching & Supervision BSO, Forbes-Autor). Er hat in über 20 Jahren mehr als 1'500 Führungskräfte begleitet: CEOs, Geschäftsleitungen und Leadership-Teams in der Schweiz, mit messbar vereinbarten Zielen und auf Wunsch Pay-for-Results. Mehr über Cristian Hofmann.